CALLIGRAMME Buchhandlung

Rezensionen aus Medien

 

Auch wenn die Medienlandschaft im Umbruch ist, gibt es immer noch dichte, differenzierte, gut geschriebene Kritiken, die Sie und uns auf besonders interessante Bücher aufmerksam machen. Oft wünschen Sie sich ein Buch, weil Sie eine positive Besprechung gelesen haben. Auch wir versuchen solche Texte dafür zu nutzen, unser Angebot à jour zu halten. Weil man im Tagesgeschäft schnell einen spannenden Hinweis verpasst, wollen wir neu auf der Homepage Links zu denjenigen Rezensionen platzieren, die uns am besten gefallen oder Bücher vorstellen, die sonst vielleicht etwas untergehen. Eine erste Auswahl von Besprechungen aus WOZ, Republik und NZZ finden Sie hier:

 

Jamaica Kincaid (Theresa Hein, Republik, 5.4.2021)

Nastassja Martin: An das Wilde glauben (Marcel Hänggi, WOZ, 25.3.2021)

Vitomil Zupan: Menuett für Gitarre (Jörg Plath, NZZ, 12.5.2021)

Ljudmila Ulitzkaja: Eine Seuche in der Stadt (Andreas Breitenstein, NZZ, 15.3.2021)

 

Calligrammes Favoriten

Mai 2021

 
 

 

Beat Sterchi: Capricho - Ein Sommer in meinem Garten
(Diogenes, Zürich 2021)

Capricho

„Il faut cultiver son jardin“. So endet Voltaires Candide, und Beat Sterchis frisch aus fruchtbarem Boden gesprossenes Buch lässt sich als Exegese dieses berühmten Satzes lesen. „Der Ginster blühte.“ So beginnt Sterchis Capricho, und schon hat er uns am Wickel und entführt uns in sein spanisches Dorf in der Nähe von Valencia, in dem er sich 1984, nach seinem sehr erfolgreichen Roman Blösch über eine Kuh dieses Namens sowie einen spanischen Knecht in der Schweiz, ansiedelte. Und so nähern wir uns im zweiten Satz diesem zauberhaften Dorf: „Die terrassierten Hänge, durch welche die schmale, holprige Straße von Morella hinunter in mein Dorf führt, sahen aus wie mit Goldstaub überzogen.“ Das erinnert an eine weitere unsterbliche Zeile – aus Joni Mitchells Song „Woodstock“: „We are stardust, we are golden / and we’ve got to get ourselves / back to the garden.“

 

Da sind wir also, zurück im Garten, im huerto, mit Mandel-, Apfel- und Olivenbäumchen, Tomaten, Rosen und Zucchetti, und schauen dem Gärtner zu, wie er jätet, bewässert, düngt und Kartoffeln setzt. Wir schauen ihm auch dabei zu, wie er sich selber zuschaut und wie er, der eigentlich eine Geschichte dieses Dorfes schreiben will, aber damit nicht vom Fleck kommt, seine Notizen liest: „Gemäss meinen Notizen hatte ich dann bemerkt, dass der Kaffee wie geschmolzenes schwarzes Gold über den Schnabel der Kanne in die bereitgestellte weiße Tasse lief…“

 

Die etwas kuriosen Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner lernen wir kennen: Aureliano mit seinem kleinen, braunen Köter; Eugenio, dem ein Herzschrittmacher eingepflanzt wurde; Joaquín und Marcos, die den Garten des Schweizers immer wieder kritisch inspizieren und ihm einschärfen, die Kartoffeln nicht vor Vollmond zu setzen; Nachbarin Pilar, die etwas Probleme mit der physischen Distanz hat und ihm von dem Fuchs erzählt, der ihm beim Hacken zugeschaut habe. Die Señora Inmaculada schliesslich meint, da er den Garten nicht wirklich brauche, sei dieser ein „capricho“ – eine Grille, eine Laune, nichts weiter. 80 „Caprichos“ in Aquatinta-Technik verfertigte Francisco de Goya in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts, eine moralistisch-satirische Revue der „condition humaine“. Auch Sterchis Buch ist manchmal ein wenig gesellschaftskritisch, etwa wenn er ans Meer fährt und sich über die «verschandelten Fischerdörfer», die „Einkaufsmenschen“ und über die „Einöde der Opportunisten“ ärgert. Aber so schlecht gelaunt ist er nur fern von seinem Dorf. Wenn er in seinen Garten zurückkehrt, atmet er auf. Und wir mit ihm, denn nach all den Greueln und Tragödien, den Sadismen und Intrigen, von denen wir in der Weltliteratur schon gelesen haben, ist dieses poetische Kleinod von einem Buch auf radikale Weise unspektakulär. Fast nichts passiert, und doch lesen wir es atemlos. Und merken, wie schrecklich wir auf Unheil konditioniert sind, denn wenn in einem Kapiteltitel plötzlich von einem „Feuer“ die Rede ist, zucken wir zusammen und rechnen mit dem Schlimmsten – dabei ist es nur das Grillfeuer, das er mit seiner Tochter entzündet, als sie ihn besucht. Ein bisschen später heisst ein Kapitel „Der Überfall“, und wir denken an grimmige Räuber aus den Bergen. Es sind aber nur – immerhin! – Steinböcke, die den armen Garten schwer in Mitleidenschaft ziehen.

 

Doch das kann das Glück des schreibenden Gärtners nicht trüben. Der schaltet den Fernseher aus, schaut in den Himmel und notiert: „Darüber solltet ihr mal einen Film machen. Über das Rauschen der Stille in der Nacht.“
– Michael Pfister

 

 

C. F. Ramuz: Derborence
(Limmat, Zürich 2021, 3. Auflage)

Derborence

„In früherer Zeit zogen sie in grosser Zahl hinauf, nach Derborence [...] Bei diesen Dächern, die nicht weit voneinander lagen, wie kleine Bücher auf einem grünen Teppich, all diese grau gebundenen Deckel; bei den zwei, drei kleinen Bächen, die da und dort aufglänzten, wie wenn einer ein Schwert aufhebt; mit runden Tupfen, mit ovalen Tupfen, die sich rings bewegten, und die runden waren die Männer, die ovalen die Kühe. Als Derborence noch bewohnt war; bevor der Berg eingestürzt war. Doch jetzt eben ist er eingestürzt.“

 

Am 23. Juni 1749 stürzten die Diablerets auf Derborence. Dies war der gewaltigste Bergsturz, der sich bis anhin in der Schweiz ereignet hatte. Davon inspiriert schrieb C. F. Ramuz über Antoine Pont, einen jungen, frischverheirateten Mann, der den Bergsturz überlebt. Als er sich sieben Wochen später aus dem Geröll befreien kann und zurückkehrt, verängstigt er das Dorf. Die Leute fürchten sich davor, dass die Toten wiederkommen. Nur Therese, Antoines Frau, verweigert sich dieser Angst, lässt sich auf Antoine ein und versucht, ihn unter die Lebenden zurückzuholen.

 

Ramuz‘ Erzählung, die von Francis Reusser 1985 eindrücklich verfilmt worden ist, vibriert von den mystischen Geschichten, die die Leute von Derborence unter der Gewalt der Natur entstehen lassen. Sanft, brutal, unheimlich erwacht der Berg, er seufzt und lacht, während er die Bergleute zu ihrem Schicksal verurteilt, ihnen die Liebe nimmt, den Verstand oder die Existenzgrundlage.
– Artemisia Valisa

 

 

Henry James: Der Altar der Toten
(Ripperger & Kremers, Schlaflosreihe, Berlin 2021)

Der Altar der Toten

Dieser 1895 erschienenen Erzählung von Henry James, diesem Meister der psychologischen Raffinesse sowie erhabenen Konstruk-teur literarischer Denkgebäude, gelingt es – ähnlich seinem Roman „Die Drehung der Schraube“ (alternativ auch übersetzt als „Das Geheimnis von Bly“) – , gespenstisch anmutende Drehmomente der eigentlichen Geschichte so zu setzen, dass aus einer grundsätzlich einfachen Exposition eine das Leben überhöhende und damit die eigentliche Existenz per se aushebelnde Erfahrung resultiert, die nur in der Schwebe zwischen Schein und Sein, Wahn und Traum funktioniert und schliesslich in tatsächlicher Erfüllung kulminiert.

 

Konkret folgen wir unserem Protagonisten, Stransom mit Namen, in seiner Trauer um die ihm zu Lebzeiten nahestehenden Personen, denen er als die Toten, die sie jetzt sind, einen Altar errichtet, um ihrer so zu gedenken; zuerst ersteht dieser Altar nur vor seinem inneren Auge , nach Besuch einer Kirche in einem Aussenbezirk Londons dann auch in Tat und Wahrheit, indem er in einer dunklen Seitenapsis des Gottesgebäudes beginnt, sogenannte Ewige Kerzen für jeden einzelnen Toten zu entzünden und also seine Devotion zum Totenreich nach aussen sichtbar zu manifestieren. Nur einem seiner damals im Leben treuesten Gefährten, Acton Hague, versagt er diese Ehre – während der alternde Stransom selbst sich in Zukunft auf dem von ihm erschaffenen Altar, symbolisiert durch eine neu entfachte Kerze, in den Reigen der aus dem Leben Geschiedenen einreihen will…

 

Zur selben Zeit wird diese neu geschaffene Stätte der Einkehr auch von einer in Schwarz gekleideten Frau periodisch aufgesucht, die dem Stransom’schen Ansinnen des „Altars für alle Toten“ zuwiderläuft, indem sie ihn für sich nur einem einzigen Verstorbenen weiht, was im Verlaufe der Erzählung trotz neu entstehender, wenn auch fragiler Freundschaft zu einem schier unlösbaren Konflikt aller Beteiligten führt, der ganz eigentlich nur durch die Flamme dieses einen fehlenden Wachslichtes namens Katharsis gelöst werden kann.
– Sandro Schäppi

 

 

Judith Hermann: Daheim
(S. Fischer, Frankfurt a. M. 2021)

Daheim

Wir alle haben uns wahrscheinlich schon gefragt: Was wäre gewesen, wenn? Auch die Ich-Erzählerin aus Judith Hermanns jüngstem Roman „Daheim“ tut dies und blickt zurück auf einen Wendepunkt ihres Lebens. Als junger Frau bot sich ihr die Gelegenheit, als Assistentin eines Zauberkünstlers nach Singapur zu reisen. Sie hat es nicht getan, hat andere Reisen unternommen, ihren Mann kennengelernt und eine Tochter bekommen. Dreissig Jahre später steht sie wieder an einem Scheideweg: Nachdem die Tochter ausgezogen ist und nur noch ab und an kurze Nachrichten schreibt, verlässt auch sie ihr Daheim, ihren Mann. Mit der Erinnerung und dem Aufbruch beginnt der Roman.

 

Die Handlung ist schnell erzählt. Die Ich-Erzählerin zieht an die Küste im Norden Deutschlands, wo ihr Bruder lebt, in dessen Kneipe sie aushilft. Sie lässt sich in einem alten Haus ausserhalb des Dorfes nieder. Es liegt einsam, knarzt des Nachts und gibt unheimliche Geräusche von sich. Es ist das erste Mal in ihrem Leben, dass sie allein in einem Haus wohnt. Sie freundet sich mit ihrer Nachbarin an und geht eine Beziehung mit deren Bruder, einem Schweinezüchter, ein, der eine Marderfalle in ihrem Haus installiert, um dem nächtlichen Spuk ein Ende zu setzen.

 

Viele Szenen sind Rückblenden oder Erinnerungen, handeln von Sehn-sucht und Aufbruch, vom Älterwerden, von Abschieden, von alten und neuen Freundschaften. Der Roman ist nicht auf einen Handlungsstrang ausgelegt. Die Ich-Erzählerin, die genaue Beobachterin, ist der Angel-punkt. Sie schildert präzis und berührend die Menschen in ihrer Umgebung, so dass kleine, eindringliche Porträts entstehen, die sich in ein Ganzes fügen: ein Mann, der Dinge und Erinnerungen sammelt; ein alter Bauer, der sich der Geburtstagsfeier seiner Frau mit einem (gespielten) Schlaganfall entzieht; ein junger indischer Arzt auf der Notfallstation, der sich mit Hingabe und grossem Respekt vor dem Alter um seinen Patienten kümmert.

 

Das Faszinierende an Judith Hermanns Prosa ist das Geheimnisvolle, das Unfertige. So bleibt vieles bis zuletzt ungeklärt.

 

„Ich habe mich auf das Leben verlassen“, sagt die Ich-Erzählerin gegen Ende des Buches. Vielleicht ist es gerade dieser Blick auf das Wesentliche im Leben, was diesen Roman so ergreifend macht.
– Sandra Valisa

 

 

März 2021

 

 

Don DeLillo: Die Stille
(Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020, übersetzt von Frank Heibert)

Die Stille

„Die Stille“, ein kleiner, feiner Roman aus der Feder des US-Amerikaners Don DeLillo, handelt, wie der Titel vermuten lässt, vom Grundklang der postmodernen Apokalypse, wenn er als Folge des Verlustes aller Energieversorgung auf Erden mit einem unhörbaren und dennoch unüberhörbaren Knall die Sinfonie des Nichts einläutet. Dieses Nichts wird in diesem Falle getragen von einer winzigen Gruppe gegenseitig befreundeter Menschen, die sich in einem New Yorker Apartment am Super-Bowl-Sunday im Jahre 2022 einfinden und welche im Moment der Genese des Systemtodes durch Ausfall der globalen Elektrizität und also der von ihr betriebenen Technik unterschiedlicher nicht agieren könnten. Erklärungen werden gesucht, selbst ent- und wieder verworfen, Einstein’sche Formeln treffen auf sexuelle Anziehungskräfte, schwarze Bildschirme auf imaginierte Alternativrealitäten, zur Neige gehende Kerzen auf eine Weltdunkelheit und whiskyselige Apathie auf übersteigerten, moralbrechenden Aktionismus. Und trotz aller Unruhe und Unrast entwirft DeLillo diese Variation der Endzeit ohne grosse Szenenwechsel, ohne unnötigen Klamauk, aber dafür mit einigem Augenzwinkern in der fast schon physisch greifbaren Ernsthaftigkeit, um alle Deutungshoheit in Wahnwitz und eben „Stille“ versinken zu lassen, wenn das ungreifbare Grauen beginnt…
– Sandro Schäppi

 

 

Mary Maclane: Ich erwarte die Ankunft des Teufels
(Reclam, Stuttgart 2021, übersetzt von Ann Cotten)

Ankunft des Teufels

Sie ist ausgehungert – irrt durch die Ödnis von Montana, in der die Bergwerke die Natur ausgebeutet haben und nur noch Sand zurückbleibt, auf den sie ihre überheblichen kleinen Füsse setzen kann, und wartet.

 

Sie ist pathetisch und ein Biest. Wäre sie eines der sterblichen Tiere, so schreibt sie, dann wäre sie eine Mischung aus einem Schwein, einem Leoparden und einem Stinktier. In ihrer Welt steht alles still – sie hungert nach Liebe, danach, nicht allein zu sein, und in ihrem Wohnzimmer sitzt der Teufel und hört sich ihren Heiratsantrag an.

 

Mary MacLane ist neunzehn Jahre alt, als sie 1901 das Buch schreibt, welches sie aus ihrer Einsamkeit hinauskatapultieren und ihr ein Bohème-Leben in Chicago ermöglichen wird. Mit provozierender Offenheit erklärt sie sich darin zum Genie und versenkt sich in fiebrigen, egomanischen Liebesschwüren. Vielleicht spricht in ihr einfach das alleingelassene, theatralische Mädchen, das unreifer scheint, als ihre neunzehn Jahre erwarten lassen. Teils kann man nicht umhin, sie dafür zu verurteilen. Die Welt um Mary MacLane herum stand nicht still – während sie auf den Teufel wartete, fanden in ihrer Heimatstadt Butte blutige Kämpfe für Arbeiterrechte statt, die sich noch über Jahre hinziehen sollten. Für die Menschen dieser Stadt hat Mary gerade mal fünf Seiten übrig, sie sind Hintergrundfiguren. Mary ist eine verzogene junge Frau, und sie macht keinen Hehl daraus. Aber auf ihr lastet auch der Geist vergangener Jahrhunderte; Jahrhunderte, die Frauen dafür bestraften, weiblich zu sein, die ihnen versagten, den Ruhm zu suchen. Und mit unglaublicher Leichtigkeit fordert sie ihn und alles andere ein. Sie liegt nicht falsch. In ihr ist die Berechtigung, in Napoleon verliebt zu sein, den Mann-Teufel zu heiraten und ihre Anemonendame zu lieben. In ihr ist die Berechtigung, gegen die Einsamkeit und das Korsett anzuschreien, wie ein trotziges Kind durch den Schlamm zu staksen und die Welt zu verurteilen. Sie hat jedes Recht auf Pathos.

 

Das Tagebuch von Mary MacLane, das sie mit „Ich erwarte die Ankunft des Teufels“ betitelt, ist ein flirrender Text voller jugendlicher Träume, Todesfantasien und obsessiver Liebeserklärungen. Trotzdem scheint da mehr in dieser jungen Frau zu schlummern, die aus ihrer Einöde in die Welt hineinschreit. Nun lässt die Übersetzung von Ann Cotten Mary MacLane endlich auch im deutschen Sprachraum Fuss fassen: Ihre zwei weiteren Bücher „My Friend, Annabel Lee“ und „I, Mary MacLane: A Diary of Human Days“ werden in den nächsten Monaten auf Deutsch erscheinen; ersteres wird ab März unter dem Titel „Meine Freundin Annabel Lee“ erhältlich sein.
– Artemisia Valisa

 

 

Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen
(Hanser Berlin, 2021, übersetzt von Anke Caroline Burger)

Der Tod in ihren Händen

Über Roberto Bolaño sagte der österreichische Autor Clemens J. Setz einmal, seine Spezialität sei es, ganz alltägliche Szenen so zu schreiben, dass man beim Lesen Todesangst empfinde. Das kann auch Ottessa Moshfegh, in Boston geborene Tochter eines iranisch-jüdischen Violinisten und einer kroatischen Bratschistin, die vor der Khomeini-Revolution in die USA flüchteten. Ihr vierter Roman beginnt wie eine harmlose Schnitzeljagd. Eine ältere Dame namens Vesta Guhl ist nach dem Tod ihres Mannes, eines Professors für Epistemologie, in einen Weiler an der US-amerikanischen Ostküste gezogen, wo sie niemanden kennt. Auf einem Spaziergang mit ihrem Hund findet sie ein Blatt Papier auf dem Waldboden: „Sie hiess Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie ermordet hat. Ich war es nicht. Hier ist ihre Leiche.“

 

Die Notiz wird zur Keimzelle eines Romans im Roman. Vesta Guhl imaginiert das Schicksal einer aus Belarus stammenden jungen Tänzerin, die vom Teenager-Sohn ihrer Zimmervermieterin bedrängt wird. Die etwas verwirrte Witwe in ihrem abgelegenen Blockhaus phantasiert sich ein gruseliges Figurenkabinett zusammen und lässt es mit ihrer realen Umwelt, die ihr fremd bleibt, verschmelzen. Einen dämonenartigen Bösewicht mit dem sprechenden Namen „Ghod“ identifiziert sie mit dem örtlichen Sheriff, der sie ermahnt, als sie mit übersetzter Geschwindigkeit in die nahe Kleinstadt unterwegs ist.

 

So wird die erste Hälfte des Romans zu einer kleinen Poetik, zu einer Geschichte über die Geburt von Geschichten aus dem Geist der Einsamkeit und der Paranoia. Wir leiden mit der Ich-Erzählerin mit und fürchten uns mit ihr vor einer Bedrohung, die sie selber kreiert; wir bedauern sie für das verpfuschte Leben an der Seite ihres dominanten, zynischen Gatten, in das sie uns nach und nach einweiht. Indem sie sich Magdas Geschichte ausdenkt, formt sie sich ein Alter Ego, erschafft sich selbst neu, aber im Zeichen des Todes: „Was für eine seltsame Verantwortung das war, den Tod eines Menschen in Händen zu halten. Der Tod erschien mir fragil wie tausend Jahre altes, brüchiges Papier. Eine falsche Bewegung, und alles würde mir zwischen den Fingern zerfallen.“

 

Doch je länger wir lesen, desto unheimlicher wird uns die Gesellschaft der Ich-Erzählerin. Das ist die Raffinesse dieses Romans. Ein kalter Schauer rieselt uns über den Rücken, als hätten wir eine Untote umarmt. Denn wie schon in ihren ersten Romanen „McGlue“ und „Eileen“ erweist sich Ottessa Moshfegh als Virtuosin des unzuverlässigen Erzählens. Als wäre sie eine Partisanin von Maurice Blanchot („La littérature et le droit à la mort“), schreibt Moshfegh Literatur als Gespinst aus Geborenwerden und Sterben. Nicht zufällig heisst die Kleinstadt, in deren Nähe Vesta lebt, Bethsmane – eine Mischung aus Bethlehem und Gethsemane. In Gethsemane steht die Todesangstbasilika, und Todesangst ist das, was Vestas emsiges Wähnen und Dichten eigentlich an- und umtreibt. Als ihr Hund wegläuft, spitzt sich die Situation zu. Auf der Suche nach dem vierbeinigen Gefährten fällt sie bei Nachbarn in Ohnmacht und erhält von diesen einen Ratgeber über den Tod. Halluzinierend stolpert sie durch die Gegend, fürchtet sich vor den Sternen am Himmel und muss schliesslich – in einer erschütternden Schlusssequenz – feststellen, dass alle Gefahr von ihr selbst ausgeht. Von ihr, Vesta… von ihr, der Literatur, der Stimme der Fäulnis und des verwesenden Lebens.
– Michael Pfister

 

 

 

Dezember 2020

 

 

Leo Tuor: Die Wölfin / La Luffa
(Limmat Verlag, Zürich 2019)

Die Woelfin

Wenn der neunjährige Bub das eine Auge zuhält, sieht die Urgrossmutter im Bett wie ein Wolf mit Spitzenhaube aus. Der Bub denkt, dass seine Vorfahren in der Surselva von Wölfen abstammen. Mit dieser Erinnerung beginnt der meisterhafte Roman von Leo Tuor «Die Wölfin», der 2019 als zweisprachige Ausgabe im Limmatverlag erschienen ist. Der Autor verwebt darin Geschichten über vier Generationen zu einem einzigartigen Erinnerungsbuch voller Poesie und Kraft. Erzählt wird aus der Sicht eines Buben, der bei den Grosseltern und der Urgrossmutter in einem Bündner Bergdorf aufwächst. Der Vater hat sich das Leben genommen und die Mutter kann nicht für den Jungen sorgen. Es reihen sich Erinnerungen und Anekdoten einer Kindheit zwischen mächtigen Specksteinöfen und furchteinflössenden Heiligenbildern aneinander. Der Autor erzählt virtuos von Ahnen und Urahnen, von schrulligen Gestalten und sperrigen Autoritäten, vom Alltag in der Klosterschule und den ewigen Wintern in den schattigen Tälern. Auch wer des Romanischen nicht mächtig ist, schielt gern auf die Seiten im Original, um eine Vorstellung vom Klang des Textes in seiner Ursprungssprache zu gewinnen. Und wie der kleine Bub im Roman, der beim Grossvater immer wieder um eine Geschichte bettelt, will man das Buch nicht mehr aus der Hand legen.
– Sandra Valisa

 

 

Stewart O’Nan: Letzte Nacht
(Rowohlt Taschenbuch, Hamburg 2009)

Letzte Nacht

Das „Red Lobster“, ein archetypisches Lokal US-amerikanischer Prägung und Teil einer Restaurantkette, öffnet ein letztes Mal seine Pforten, um danach für immer zu schliessen. Während eines trüben Dezembertages mit aufkommendem Sturm sowie starkem Schneefall finden sich die Angestellten für einen letzten Arbeitstag ein, in Folge dessen die aufkommenden Emotionen, die zwischen Abschied, Existenzangst, sanfter Melancholie und verletzter Hoffnung pendeln, das (zwischen)menschliche Gefüge aller Beteiligten ins Wanken geraten lassen, verbinden doch mal geheime und dennoch so offensichtliche, hie und da gespielte und doch meist wahre, nicht ganz ernst gemeinte und trotzdem irgendwie innige Begebenheiten all unsere Protagonisten seit Jahren des Zusammenarbeitens mit diesem einen speziellen Band, welches nur im geschäftlichen Alltag entstehen kann und nun unwiderruflich durch den Konkurs der Filiale durchtrennt wird.
Stewart O’Nan gelingt mit diesem kleinen Roman ein Kabinettstück amerikanischer Erzählkultur; unprätentiös, warmherzig, trotzdem durchzogen von unbestimmter, jedoch steter Traurigkeit, fängt er dieses Momentum von Auflösung ein, wenn das Leben seinen Tribut fordert und dennoch weitergehen muss.
– Sandro Schäppi

 

 

Lutz & Guggisberg: Vergleichende Komparatistik – Die imaginäre Bibliothek von Lutz & Guggisberg
(Edizioni Periferia, Luzern 2020)

Vergleichende Komparatistik

Was steht denn da im Regal? „Mäuse im Mondlicht“ von Mortimer Malraux. Und gleich daneben? „Das erste Kanu“ von Roger Milla (wer erinnert sich noch an diesen kamerunischen Stürmer mit seinem Makossa-Tanz?) und Gotthold Baptist Schüler, „Die Ekstasen Echnatons“. Und da, das lang erwartete Standardwerk von Flugbert Stalder: „Das grosse Buch der Strunke, Knorze und Waldknochen“. Verstohlen möchten wir in „Schlecksteine“ von Lingam und Yoni Schuler blättern. Geht aber leider nicht, denn all diese Werke sind aus Sperrholz gesägt, mit aufgeklebten Inkjetprints auf dem Buchdeckel. In mehr als 20 Jahren haben die beiden Künstler Andres Lutz und Anders Guggisberg rund 500 solche Buchmodelle geschaffen, auf der ganzen Welt ausgestellt (aktuell und bis zum 10. Januar 2021 im Kunst Museum Winterthur, bald in der Galleria Periferia in Luzern) und in einem wunderbaren, dicken Band versammelt. Bücher müssen haptisch bleiben, auch in Zeiten der e-Manie. Gleichzeitig sind sie das Flüchtigste vom Flüchtigen. Ein verführerischer Titel, ein fabulöser Buchrückentext genügt, um unsere Phantasie auf intergalaktische Reisen zu schicken. Wie gern würden wir „Die 99 schönsten Taschenspielertricks der Renaissance“ erlernen! Und was für Abenteuer mag wohl „Die dicke Berta“, eine allerliebste belgische Riesenputenente, erleben? Lutz & Guggisberg erfinden AutorInnen, spielen aber auch mit wohlbekannten Namen: Roberto Bolaño schreibt einen Krimi mit dem Titel „Ulmensterben“, Alice Vollenweider lehrt uns „Kochen mit alten Meeresfrüchten“ (Diogenes, pardon: Biogemüs Verlag). Parodiert wird auch Schön- und Tiefgeistiges – wie etwa Sloterdijks „Sphären“-Trilogie mit Werken über „Wannen“, „Blöcke“ und „Haufen“: „Seit Anbeginn der Zeiten formt der Menschen Haufen. Der Polynesier der Traumzeit tat es mit der lüsternen Kaurimuschel.“ Oder die schiere Klanglust führt das Szepter, etwa bei „Gebrechliche Heilige“ von Haile Gebreselassie oder bei den „Rokokokokotten“, erschienen in der Onomato Presse. Dazu kommen wunderbare Buchrückentexte und Quotes wie das von Günter Grass über Albin Wickülers „Der Wettermacher“: „Dieses Buch ist wie ein Bad im tosenden Nektar fleischiger Lichtblumen!“ Und erst die Covers – ein Augenschmaus! Dass Lutz & Guggisberg nicht längst von Dutzenden von Verlagen als Umschlaggestalter unter Vertrag genommen worden sind, ist unbegreiflich (vielleicht sind sie es ja...). Dieses Buch der Bücher ist opulenter als das Füllhorn des gebenedeiten Schelmuffsky und verheissungsvoller als der Augenaufschlag einer Nixe aus dem Bambuswald von Sagano!
– Michael Pfister